Dass es keine einzige, statische digitale Entsprechung zum physischen Ich gibt, zeigten die verschiedenen Beiträge der Expertinnen und Experten an unserer Fachtagung Educa25 schnell und eindrücklich auf. Aber wie kommt es zu dieser Pluralität der Identität im digitalen Raum und auf welche Ausprägungen ist ein besonderes Augenmerk zu legen?
Ein Mensch ist nie nur «eine» Person. Esther Seidl-Nussbaumer (Switch) betonte anlässlich der Fachtagung Educa25 treffend: «Wir müssen ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass wir uns parallele Identitäten und Teilidentitäten aneignen, bewusst oder unbewusst.»
Die Notwendigkeit der Pluralität zeigt am nachfolgenden Beispiel, wie beispielsweise eine Lernende gleichzeitig verschiedene Rollen einnimmt:
- Staatsbürgerin
- Angestellte
- Schülerin
- Vereinsmitglied
- Mitglied von sozialen Plattformen
- Nutzerin von kommerziellen Produkten
In jeder der oben aufgezählten Rolle entstehen Identitäten. Diese sind mit unterschiedlichsten Attributen ausgestattet und können sich durchaus überschneiden. Wichtig ist hierbei jedoch die logische Trennung der Identitäten in dezentrale Einheiten, um die kontextuelle Integrität zu wahren, und somit auch Anforderung selbstbestimmter Identitäten nachkommt.
Das Verständnis von Identitäten im Plural ist auch ein Sicherheitsmechanismus. Es verhindert die Schaffung einer «Über-Identität», die alle Lebensbereiche verknüpft und Anwenderinnen sowie Anwender gläsern machen kann. Nur wenn Identitäten differenziert gehalten werden, kann Datensparsamkeit und Zweckbindung effektiv umgesetzt werden.
Gerade im Bildungsbereich ist die Identitätsentwicklung («Identitätsbildung») als Prozess anzusehen. Junge Menschen müssen die Möglichkeit haben, sich auszuprobieren und Fehler zu machen, ohne dass diese permanent an einer einzelnen starren, zentralen digitalen Identität haften bleiben. Ein Ökosystem aus vielen Identitäten ermöglicht es eher, alte Rollen abzulegen, als ein zentrales Register, das «nie vergisst».
Ausprägungen und Vielfalt digitaler Identitäten
Aus der Bildungsperspektive ergibt sich mit dem Festhalten, womit wir es beim Diskurs um digitale Identitäten zu tun haben, erst der erste Schritt. Denn effektiv eröffnet sich eine Mehrzahl an Handlungsfeldern in unterschiedlichen Dimensionen. Unsere Fachtagung Educa25 führte diese Dimensionen zusammen und liess Experten und Expertinnen aus den unterschiedlichen Wissensdomänen zu Wort kommen um dem Bildungssystem eine erste Übersicht zu ermöglichen.
Die pädagogische Praxis: Schule als Gestaltungsraum
Welchen Einfluss haben Fragestellungen rund um digitale Identitäten auf den Schulalltag? David Rey (Syndicat des Enseignant.es Romand.es [SER]) sieht digitale Identitäten als festen Bestandteil des Bildungsauftrags. Dies beinhaltet:
- Vorbereitung auf die Berufswelt: Die digitale Identität wird zunehmend zur Visitenkarte. Schulen müssen Lernende dabei unterstützen, ein positives, professionelles «Image» aufzubauen (z.B. durch E-Portfolios), das ihnen beim Berufseinstieg nützt.
- Lehrpersonen als doppelte Akteure: Lehrpersonen stehen vor einer doppelten Herausforderung: Sie müssen einerseits Schülerinnen und Schüler anleiten und sensibilisieren (Medienkompetenz), andererseits müssen sie ihre eigene digitale Reputation und Identität professionell und vorbildlich pflegen. Sie agieren als Vorbilder im Umgang mit Daten und Online-Kommunikation.
- Chancen und Risiken: Der Einsatz digitaler Identitäten eröffnet neue pädagogische Räume (kollaboratives Arbeiten, personalisiertes Lernen), bringt aber auch Risiken wie Überwachung und eine digitale Kluft mit sich, wenn nicht alle Schülerinnen und Schüler gleichermassen kompetent im Umgang mit ihren Daten sind.
Die psychologische Dimension: Spannungsfeld Identitätsarbeit
Besonders sensibel ist das Thema bei Kindern und Jugendlichen, die sich in einer kritischen Phase der Persönlichkeitsentwicklung befinden. Die digitale Identität ist hier kein Verwaltungsakt, sondern ein sozialer Spiegel.
- Selbstausdruck vs. Fremdsteuerung: Daniel Betschart von Pro Juventute hebt hervor, dass Jugendliche den digitalen Raum intensiv nutzen, um Entwicklungsaufgaben zu bewältigen: Wer bin ich? Wie wirke ich auf andere? Diese klassische Identitätsarbeit findet heute jedoch unter den Bedingungen kommerzieller Algorithmen statt. Es besteht ein ständiges Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach kreativem Selbstausdruck (z.B. auf Social Media) und den Risiken von Profiling, Manipulation und Stereotypisierung durch Plattformen.
- Digitale Souveränität als Bewusstseinsfrage: Esther Seidl-Nussbaumer (Switch) bringt es auf den Punkt: «Jeder Klick ist eine Entscheidung über die eigene Identität.» Digitale Souveränität ist daher nicht allein durch Technik lösbar, sondern beginnt im Kopf des Individuums. Jugendliche (und Erwachsene) müssen verstehen, dass sie durch ihr Verhalten aktiv ihr digitales Abbild formen – oft unwiderruflich. Das Bewusstsein um die Existenz solcher Prozesse ist der erste Schritt zur Selbstbestimmung.
Die ethische und systemische Dimension: Schutz des zukünftigen Ich
Jenseits der sichtbaren und selber kuratierten Identitäten existieren «Schattenidentitäten» aus gesammelten Daten, die ethische Fragen aufwerfen. Entsprechend hat das Bildungssystem seine Mitgestaltungsmöglichkeit zu erkennen und wahrzunehmen, denn auf individueller Ebene kann diese Art der Identitätsbildung kaum reagiert werden.
- Entscheidungen mit Systemwirkung: Beth Havinga (European EdTech Alliance) warnt davor, digitale Identitätslösungen im Bildungsbereich als rein technische Beschaffung zu betrachten. Jede Entscheidung für eine bestimmte Architektur oder Plattform hat weitreichende Konsequenzen für das System. Ein zentraler Aspekt ist der Schutz des «zukünftigen Ich» von Schülerinnen und Schülern. Daten, die heute in der Primarschule gesammelt werden, dürfen nicht dazu führen, dass einem Kind in zehn Jahren Wege verbaut werden (z.B. durch voreilige Kategorisierungen oder unlöschbare Verhaltensdaten). Strategische Entscheidungen von heute bestimmen die Freiheitsgrade von morgen.
- Die unbewusste Identität: Cornelia Diethelm, Expertin für digitale Ethik, unterscheidet zwischen der bewusst angelegten Identitäten und der durch Tracking entstehenden Identitäten. Ethisches Handeln in Schule und Gesellschaft bedeutet, Datensparsamkeit und Fairness zu priorisieren. Bildungsinstitutionen stehen in der Verantwortung, Systeme zu wählen, die Schülerinnen und Schüler nicht zum «gläsernen Lernenden» machen, sondern eine Fehlerkultur sowie das Recht auf Vergessenwerden zulassen.
Das Fundament: Staatliche Souveränität und Mobilitätslösungen
Die Basis für ein funktionierendes digitales Bildungswesen bildet eine verlässliche Infrastruktur, die Sicherheit und Interoperabilität gewährleistet. Hier grenzt sich die staatliche Diskussion klar von kommerziellen Lösungen ab.
- Die e-ID als digitales Gemeingut: Im Gegensatz zu Logins grosser Tech-Konzerne wird die kommende staatliche e-ID als eine Art «digitales Gemeingut» verstanden. Christian Heimann vom Bundesamt für Polizei (fedpol) erläutert, dass eine e-ID nicht im luftleeren Raum existiert, sondern zwingend eine Vertrauensinfrastruktur benötigt. Diese Infrastruktur ist der entscheidende Hebel, um behördliche und bildungsrelevante Dokumente – wie etwa ein digitales Maturitätszeugnis oder Studiennachweise – fälschungssicher und grenzüberschreitend nutzbar zu machen. Erst durch diese staatlich verifizierte Ebene wird aus einer klassischen Datei ein rechtsgültiger Nachweis, der Verwaltungsprozesse im Bildungswesen für Nutzende und Anbietende massiv vereinfachen kann.
- Interoperabilität und Datensouveränität: Gerhard Andrey (Nationalrat) sowie Expertinnen und Experten von Edulog sowie Switch betonen, dass technische Lösungen wie die Switch edu-ID oder Edulog essenziell sind, um digitale Mobilität zu ermöglichen. Das Ziel ist ein «nahtloser Bildungsweg»: Eine digitale Identität soll Lernende vom Kindergarten über die Berufsbildung bis hin zur Hochschule (Lebenslanges Lernen) begleiten, ohne dass bei jedem Institutionswechsel Daten verloren gehen oder neu angelegt werden müssen.